Freitag, 16. Dezember 2011

Ich will Ferien!!! SOFORT!!


"Wer seinem Passbild ähnlich zu sehen beginnt, sollte schleunigst Urlaub machen." Vico Torriani


Geschafft! Im wahrsten Sinne des Wortes. Wochenende! Sind seit dem letzten Wochenende tatsächlich nur 5 Tage vergangen? Ich fühle mich um paar Jahre gealtert. Ich könnte bis Montag durchschlafen. Ich könnte zwei Tage lang boxen, um mich abzureagieren. Ich habe allerdings auch einen Grund zur Freude. Dieses Jahr kein Berufskunde mehr. Dieses Fach macht mich fertig. Reale Berufsvorstellungen nicht vorhanden. Selbstwahrnehmung auch nicht. Reicht.

Veränderungen in der Berufswelt. Heute- Metallberufe im Mittelalter, Industrie- und Informationszeitalter. „Nennt mir bitte 5 Berufe aus der Metallbranche!“ Ein kreativerer Einstieg mit Bildchen oder Kurzgeschichte oder so wäre momentan zu viel verlangt. Große Augen. -„Was?“ -„Was sollen wir machen?“ -„Können Sie die Aufgabe noch mal wiederholen?“ -“Ich war letztes Mal nicht da.“ (Danke für die Info, aber diese Ausrede hilft dir jetzt auch nicht weiter.) Verstehe, eine echte Herausforderung. Ich erkläre noch einmal, was ich möchte. Schweigen. Gelangweilte Gesichtsausdrücke. Und dann doch. Eine Meldung. Ein Aufschrei von René: „Ahhh, ich weiß! Darf ich sagen? Biiitte!“ Klar, darfst du, meldet sich ja sonst keiner. Ich nehme ihn dran. -„Das ist doch der Typ. Erzbischof??“ Ich will gerade zur Antwort ansetzen, da schreit Bekir: „Aller, ohne Sinn, voll das Migrantenkind!!“ Ich überhöre die Beleidigung. Ist ja auch nicht weiter wichtig, dass René nur deutsche Wurzeln in der Familie hat. Egal. 'Hund', 'Jude' oder 'Schwuchtel' passt ja auch nicht immer. Ich versuche es ein weiteres Mal mit der Aufgabenstellung. -„Ist dooooch.“ René gibt nicht auf. Ich schon. 'Erz' mit Metallen in Verbindung zu bringen ist natürlich schon mal eine Wahnsinnsleistung! Würdigen? Nö.

Ich teile ein Arbeitsblatt aus. Unruhe. Leerlauf. Murat: -„Mrs. Johnson, ist Küche guter Job? Ich will ihm (zeigt mit dem Finger auf Umut) beweisen, Küche ist kein guter Job!“ „Fangen wir damit an, dass Küche kein Beruf, sondern ein Betrieb ist, der sich eigentlich Restaurant nennt. Du meinst den Koch.“ -“Ja, meine ich auch. Er will Jobcenter.“ Jobcenter was?? Gehen, informieren, erzählen? Zum, im, über? Das lässt sich Umut natürlich nicht gefallen. „Was Jobcenter, ich schwör, ich brech dir dein Kopf! Verpiss dich aus meinem Blickwinkel!“ Natürlich. Schwerste Beleidigung, dieses Jobcenter. Die Diskussion entwickelt sich zum Gruppengeschrei. Dazu hat jeder was zu sagen. Murat sitzt ganz vorne. Trotz der Lautstärke von gefühlten 100.000 Dezibel kann ich ihn gut verstehen. Er sagt: „Voll geil, wir sind unbesiegbar im Laut-sein.“ Leider ja.
Dann meldet sich Nathalie. Nettes Mädchen. „Hier steht 'erzähle, was du über das Mittelalter weißt!' Wenn ich 'nix' schreibe, habe ich Frage beantwortet? Kriege ich dann einen Punkt?“ Natürlich, du kriegst eine glatte 1 und ein Lob aufs Zeugnis.

Ich beende die Stunde mit paar organisatorischen Ansagen. Wir müssen klären, ob Julklapp stattfinden kann. Ich bin dagegen. Sie sind unzuverlässig, die Hälfte der Klasse ist nicht da. Wird kompliziert. Dann bekommt ein Kind kein Geschenk und ich muss es trösten. Letztes Jahr haben sie einander Sprühdeos geschenkt. Nach der Weihnachtsfeier stank die Klasse unerträglich und ich war nur damit beschäftigt, zu gucken, dass das Zeugs nicht in die Augen kommt. Ich bin dagegen. Aber sie überzeugen mich. Eigentlich sind sie ja niedlich und ich mache ihnen so gerne eine Freude. Fast allen. Mal gucken, wie viele nächste Woche ohne Geschenk nach Hause gehen.

Ich versuche krampfhaft Justin den ganzen Tag zu ignorieren. Und er mich. Er hat nicht mal ein Blatt ausgepackt, singt, lacht lauthals, brummt irgendwas vor sich hin, springt durch die Klasse und schreit. Er schafft es zwei seiner Nachbarn abzulenken. Der Rest bleibt standhaft. Anstrengend. Warum sollte er sich auch Mühe geben? Passiert ja nichts. Im Schulamt hat der „nu-nu-nu“ gemacht und versprochen, „wenn ich mich bessere, darf ich in der Schule bleiben“. Bessern? Mit der dicksten Akte Deutschlands?? Macht ja nichts, dass wir den ganzen nötigen Weg mit Konferenzen & Co schon gegangen sind. Es fehlt nur noch dieser letzte Schritt. Uns sind die Hände gebunden. Keinerlei Unterstützung von oben. Am Ende der Stunde bin ich geladen, ich koche innerlich. Zeige es natürlich nicht, Lehrer sind Schauspieler. Was muss eigentlich noch passieren, damit jemand fliegt? Die ganze Klasse leidet. Er ist ein Vorbild. Wenn schon Justin nicht fliegt, kann mir doch nichts passieren. Nach dem Unterricht erscheinen 3 nicht zum Nachsitzen. Warum auch? Kann doch nichts passieren. Sie haben vor nichts Angst. Ich schon. Vor der Machtlosigkeit. Vor der Grenzenlosigkeit. Davor, mich in zehn Jahren reif für die Rente zu füllen.

Gut, dass ich zwei Jahre lang im Referendariat akribisch gelernt habe, wie man eine 45-Minuten-Stunde perfekt vorbereitet und durchführt. Feinziele, Grobziele... blabla. Mein Hauptziel heute: jeder soll den Schultag überleben und gesund nach Hause kommen. Es wäre besser, mir hätte jemand beigebracht, wie man mit lernunwilligen, Verweigerern, Schwänzern, Respektlosigkeit, unverschämten Eltern und nicht beschulbaren Kindern umgeht. Ohne Hilfe. Und vor allem, woher man die Zeit nehmen soll, sich um die netten, willigen, guten Kinder zu kümmern. Die gibt es nämlich. Viele. Auch in meiner Klasse.

Ich brauche s-o-f-o-r-t Ferien!!! Wäre schön, wenn ich wenigstens meinem Passbild ähnlich sehen würde. Ich fürchte, mein Gemütszustand ähnelt der 3-Tage-wach-Stimmung.

Kommentare:

  1. Ich habe auf diese 'Geschichte' gewartet! Sie befreit auch mich (es fühlt sich an, als ob ich im Unterricht dabei gewesen wäre!?!).

    "...sich um die netten, willigen, guten Kinder zu kümmern. Die gibt es nämlich. Viele. Auch in meiner Klasse."

    Es fällt uns allen schwer, genau dieses zu sehen, aber das beschreibt den Ansatz! Zumindest für uns!!!

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  2. Wir werden versuchen, eben dies jeden Tag zu üben. Schwierig. Nicht unmöglich. MfG, Mrs.J.

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  3. Warum Mrs. Johnson kommen die netten und leistungsfähigen Kinder nicht vor? Wo bleiben sie? Haben sie keinen Lob von Ihnen verdient? Wenn Sie über andere Schüler auch etwas geschrieben hätten, dann würden auch Sie ein sicheres Gefühl bekommen.

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  4. Siehe oben."Dann meldet sich Nathalie. Nettes Mädchen." Britney Spears hat ja auch mehr Publicity durch böse Dinge bekommen.

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  5. Ich habe meine Glaube in Menschen und KIndern noch nicht verloren. Aus diesem Grunde bin ich überzeugt, dass jedes Kind auch eins aus den Migrantenfamilien gegenseitigen Respekt spürt und zurückgeben kann! Unabhängig von Geschlecht, Gestalt, Sprache und korpulenten Formen eines Betreuers.

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  6. Yeah, das ist ja schön. Und wenn der Regenbogen dann verblasst und der springende Delfin am Horizont im Sonnenuntergang verschwunden ist, dann können wir uns auch wieder profanen Fragen wie "Was machen wir mit Justin, damit er die anderen nicht noch mehr am Lernen hindert?" widmen. Respekt reicht leider auch nur soweit.

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