Donnerstag, 23. Februar 2012

Teufel und Engel

" Die schönste Harmonie entsteht durch Zusammenbringen der Gegensätze."
Heraklit

Mandy steht vor mir, schaut mich aber nicht an. Irgendwie traut sie sich nicht. Ihr Gesicht ist so rot, wie eine Tomate. Mein erster Gedanke: sie hat irgendwas angestellt. Aber nein...
- „Mrs. Johnson...“
„Ich höre.“
- „Darf ich heute neben Fatih sitzen?“ Sie schaut weiterhin an mir vorbei. Süß. Ich muss über beide Ohren grinsen. Habe ich es doch gewusst, dass da was geht!!
- „Aber nicht, was Sie denken!“ Ich?? Ich denke doch gar nichts..

Mir fällt ein, dass ich noch nicht alle unterschriebenen Zeugnisse gesehen habe. Immer noch nicht, 3 Wochen danach.
„Dejan! Ich hätte gerne dein Zeugnis mit der Unterschrift deiner Eltern gesehen!“
- „Hab ich nicht mit!“
„Na super. Hast du dich bis heute nicht getraut, das Zeugnis zu Hause vorzuzeigen?“
- „Wieso denn? Ich habe doch nur 1er, 2er und 3er auf dem Zeugnis. Meine Mutter hat sich krass gefreut.“ In der Sekundarschule haben wir das Punktesystem. 1, 2 und 3 Punkte sind also eigentlich eine 5. Ich sage nichts dazu. Schließlich gab es ausreichend Elterninformationen über das neue Notensystem. Ich will bloß die Unterschrift sehen. Und wer weiß, ob die Mutter sich wirklich so sehr gefreut und das Zeugnis tatsächlich schon zu Gesicht bekommen hat...
„Und hat sie sich auch über die 24 Verspätungen gefreut?“
- „Was 24? Ich erzähle ihr einfach, is das doppelte von 12 Punkte. So extragute Note.“
„Morgen liegt das Zeugnis bei mir auf dem Tisch! Noch Fragen?“
- „Wallah, haben Sie heute auf mich abgesehen?“
„Ja, nur auf dich. Das war gleich mein erster Gedanke nach dem Aufstehen. Ich werde mal heute Dejan fertig machen!“

„Ihr hattet eine Hausaufgabe, die wir jetzt vergleichen werden. Wer hat sie nicht gemacht?“ Zögerlich gehen einige Hände hoch. Hausaufgaben sind einfach unnötig. Zusätzliche Arbeit. Dann lieber doch den ganzen Tag „Call of Duty zocken, Döner gehen und in Park chillen“.
- „Aller, Mrs. Johnson, ich schwör is nicht meine Schuld!“ Tuncer steht vor mir.
„Setz dich hin, ich kann dich auch von deinem Platz gut hören. Ist es meine Schuld, dass du die Hausaufgabe nicht gemacht hast?“
- „Ja, weiß ich doch. Ich hab auch Hausaufgabe gemacht. Aber ich dachte, heute ist Erdkunde!“
„Ihr habt seit zwei Monaten donnerstags Geschichte!!“
- „Jaaa, woher soll ich wissen??“
„Du besitzt einen Stundenplan!“
- „Ja... nein.. meine Mutter hat dem gewaschen. Also die hat meine Jacke gewaschen und Stundenplan war drin. Ich schwör, ich konnte danach gaaaar nix erkennen! Kann ich doch nix für!“ Ah was, tatsächlich?? Diese kleinen Teufel.

Pünktlich um 12 Uhr machen auch wir eine Schweigeminute und gedenken an die Opfer der Zwickauer Terrozelle. Manche Schüler haben etwas mitbekommen, andere wiederum hören zum ersten Mal von den Geschehnissen. Alle sind erschüttert und wollen die Schweigeminute ernst nehmen. Das klappt auch so. Ich bin irgendwie berührt. (Ein passenderes Wort fällt mir an dieser Stelle nicht ein.) Trotz aller Schwierigkeiten und Probleme, die meine Schüler mit sich bringen, ist jeder einzelne doch Mensch geblieben. Das erfreut. Engel fliegen auch mal vorbei.

Nach dem Unterricht rufe ich Tuncers Mutter an. Ist ja nicht das erste Mal, dass er seine Arbeiten nicht erledigt. Und auf seinen Noten kann er sich nun wirklich nicht ausruhen. Ich rufe also an. Sie soll ihm ins Gewissen reden, so geht es nicht weiter, er braucht einen Abschluss. Das was man halt so sagt, wenn man mit Eltern über die Gegenwart und Zukunft ihrer Kinder spricht. Die Mutter hört mir zu, sagt zwischendurch „ja, ja“. Ich rede und rede und rede. Am Ende des Gesprächs, nein eher am Ende des Monologs, sagt sie zu mir: „Ich rede mit ihm, aber rede du auch!“
Was glauben Eltern eigentlich, was wir den ganzen Tag so machen? Klar, ich habe neben dem Bildungs- auch einen Erziehungsauftrag. Aber ist es zu viel verlangt, wenn die Eltern wenigstens die Pünktlichkeit und das Erledigen der Hausaufgaben übernehmen? 

Kommentare:

  1. Wie oft habe ich am letzten Elternsprechtag den Satz gehört "Er/Sie ist doch alt genug, ich kann doch nciht immer kontrollieren." Vielleicht wäre das aber dann wieder angebracht, wenn die vergessenen Hausaufgaben schon an der Verweisgrenze kratzen (zumindest ist das bei uns so geregelt.) Ich habe ja immer Angst, ich werde so eine Schulranzenkontrollfreakmutter, weil ich weiß, wie sehr es nervt, wenn mal wieder die Hälfte der Schüler keine Hausaufgabe gemacht hat...

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    1. Ich glaube, bei Hausaufgaben hilft man sich selbst am besten. Wenn man keine Lust hat, sie zu machen und die Eltern sich auch nicht kümmern, hilft auch kein Verweis.

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  2. Hausaufgaben - ist ein ewiger Begriff, weil die Schüler nie was aufhaben! Aus eigener Erfahrung mit meinen Kindern!

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