Montag, 21. Mai 2012

Cheeeese


“Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie 
wahrgenommen worden wäre.”

Robert Bresson

Hektik. Aufregung. Noch mal Hektik. Ahhhh, der Fotograf kommt. Mädels schminken einander. Jungs versuchen sich zu fünft in einen Spiegel der Mädchen zu quetschen. Nur Fatih sitzt auf seinem Platz und ist eindeutig sauer.
- “Aller, Mrs. Johnson, wieso sagen Sie nicht, dass die heute Fotos machen??”
- “Du Opfer, hat sie 5 Mal oder so gesagt. Putz dir ma die Ohren. Opfer!”
“Danke Umut, wenigstens einer, der mir zuhört. Und ja, ich hab es sogar an die 10 Mal gesagt, dass der Fotograf kommt!”
- “Jaaa, machen Sie mich fertig! Hat jemand ein Hemd für mich?” Fatihs Frage bleibt unbeantwortet. Der Jogginganzug von Adidas muss auch für’s Foto reichen.
“Komm Fatih, Kopf hoch. Wenn du nett lächelst, guckt doch keiner auf deine Kleidung!”
- “Nett lächen, nett lächeln… Seit wann lächele ich denn nett? Dann denken alle, ich wär schwul!” Message verstanden. Ich lasse dich jetzt einfach in Ruhe. Lächel doch, wie du willst! Oder eben gar nicht!
“Ihr habt noch fünf Minuten Zeit, beeilt euch bitte mit der Beauty-Farm!”
- “Was fünf Minuten? Mrs. Johnson, is Ihr Ernst? Ich muss noch Augen schminken!” Wie, noch Augen schminken? Die leuchten doch schon in knallblau…
“Betül, deine Augen sind ausreichend geschminkt, du musst sie doch nicht anmalen!”
- “Nein man, auf Foto sieht’s voll scheiße aus, muss glänzen, wissen Sie?” Im selben Moment nimmt Betül eine Hand voll Glitzerzeug und schmeißt es sich gegen die Augen. Ich schätze, mindestens die Hälfte des Inhalts landet auf dem Boden.

Endlich sehen alle wie Models aus. Quasi Models. Zuerst soll ein Klassenfoto gemacht werden. Draussen sind Bänke und Stühle aufgebaut. Die Großen sollen nach hinten auf die Bänke und die kleinen sich vorne auf die Stühle setzen. Nach einer Minute gescheiterten Positionierens, fängt die ziemlich junge Fotografin an, mir leid zu tun. Doch, sie lässt nicht locker. Allerdings geht ihre zarte Stimme im Gebrüll unter. Lukas fliegt alle zwei Sekunden von der Bank und nimmt seine Nachbarn mit. Isabel schreit immer wieder: - “Dejan, du Spasst, zieh mich nicht an den Haaren. Mein Kopf fliegt gleich weg.” Dejan schreit zurück: - “Ich mach doch nix, das war Deniz.” Deniz schubst die ganze Zeit Melissa, die natürlich als Reaktion auch schreien muss. Ich fühle mich, wie im Stadion. Dann setze ich meinen Kaserenton an und für zwei Minuten wird es auch endlich ruhig. Ohne Kasernenton geht gar nichts. Die Fotografin fährt fort.
- “Du da, im karrierten Hemd, geh runter. So wie ich es dir gleich gesagt habe.”
- “Du im roten Pulli, dreh dich halb nach rechts!” Max deht sich nach links und steht mit dem Rücken zur Kamera. Es ist zum Verzweifeln.
- “Du mit dem Rock, setz dich hin. Da steht extra dafür ein Stuhl!”
Ich weiß nicht, wie es bei anderen Klassen gelaufen ist, aber ich bin mir sicher, dass wir den Zeitrekord furs Gruppenfoto aufgestellt haben. Ich bin genervt und stelle wieder einmal fest, dass wir am Benehmen vor und mit anderen Menschen noch arbeiten müssen. Immer wieder.

Endlich können Einzelfotos geschossen werden. Isabel bekommt von dem zweiten Fotografen die Klassenliste in die Hand. Sie muss die Schüler nach der Reihenfolge aufrufen und sie abhacken.
- “Oh Gott, Mrs. Johnson, ich schaff das nicht!”
“Doch doch, das kriegst du schon hin!” Und tatsächlich, Isabel kommt mit der Geschwindigkeit des Fotografen kaum mit, gibt jedoch nicht auf.
Fatih kommt vom persönlichen Fototermin empört zurück.
- “Was das? Hat dieser Opferfotograf 1€ gekostet? Der behinderte…  Der hat nicht mal 1,2,3 oder so gesagt! Nur so: ‘jetzt!’ Und hat sofort Klick gemacht. Ich konnt mich gar nicht richtig vorbereiten. Ich geb dem Nacken!” Hoffentlich ist der Fotograf so sehr in seine Arbeit vertieft, dass er das alles hier nicht mitbekommt.
- “Mrs. Johnson, soll ich Foto mit oder ohne Haargummi machen?” Mandy steht sichtlich aufgeregt vor dem Spiegel und kann sich nicht entscheiden.
“Auf jeden Fall mit offenen Haaren! Sieht doch besser aus!”
- “Ok danke, Mrs. Johnson. Sie haben mich gerettet, ich wusste echt nicht!”
Endlich sind alle durch und ich mache in Gedanken drei Kreuze. Der Fotograf holt Gülcan zu sich. Sie soll sich alle Fotos noch mal anschauen und sagen, ob nicht jemand vergessen wurde. Gülcan kommt aber nicht alleine. Mit ihr gehen, Max, Betül, Jocelyn, Dejan, Abdul und Bülent. Der Fotograf wiederholt noch einmal, dass er die Aufgabe nur Gülcan anvertrauen möchte. Auschließlich Gülcan. Er wiederholt es noch mal und noch mal. Beim fünften Mal hat es auch Betül verstanden. Beim Weggehen schreit sie: - “Ey Gülcan, guck mal, ob ich scheiße aussehe und sag mir dann!” Gülcan nimmt sie nicht wahr, sie ist bereits ganz vertieft in die Fotos…

Kommentare:

  1. So isses.
    Wir machen die Fotos übrigens selbst. Da ist kein Fotograf gestresst. Aber es verdient auch niemand dabei.

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    1. Das mit den Fotos ist wirklich zwiespältig! Einerseits bin ich ja froh, dass das Profis übernehmen. Dennoch, während der Session die Klasse bei Laune halten und dann dem Geld für die Fotografen hinterher rennen, macht einfach keinen Spaß.

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