Freitag, 11. Mai 2012

Kann bitte jemand kurz vorbeifliegen?


„Ich bin kein religiöser Mensch. Aber wenn es dich 
wirklich gibt, dann rette mich Superman!"

Homer Simpson

Heute hätte ich den Superman echt dringend gebraucht. Oder die bezaubernde Jeannie oder Batman oder jeden anderen Superhelden, der mich aus dieser Situation befreit.

Ich betrete pünktlich um 7 Uhr die Schule. Der Hausmeister baut sich vor mir auf. Erster leiser Hilfeschrei des Tages. Hoffentlich wartet er nicht auf mich. Auf die Begrüßung verzichtet er und fängt sofort mit seiner Rede an.
“Was haben Sie sich dabei gedacht? Können Sie Ihre Klasse nicht kontrollieren? Die Putzfrauen haben sich beschwert, die konnten den Raum gestern kaum betreten.” Ah du Schande, was ist denn da wohl passiert?

Wenig später betrete ich den Raum und kriege meinen Mund nicht mehr zu. Ich habe ihn noch nie so verwüstet gesehen. Auch keinen anderen Raum eigentlich. Überall auf dem Boden liegt Papier. In verschiedenster Form. Bunt, weiß, ausgeschnitten, ganz, Konfetti aus dem Locher, beschriebene Blätte, Arbeitsblätter. Der Besen liegt mitten im Raum. Die Schaufel in der anderen Ecke. Im Tafelwassereimer schwimmen weitere Schnipsel und der Rest eines Apfels. Ich könnte kotzen. Die Stühle sind auch überall im Raum verteilt. Auf den Tischen, unter den Tischen, liegend auf dem Boden. In verschiedensten Positionen. Ich könnte kotzen. Im direkten und übertragenem Sinne. Vor allem fühle ich mich aber verraten. Alles, woran ich gearbeitet habe, ist weg. Vertrauen, Verantwortung, Rücksicht wie noch nie da gewesen. Den Raum so zu verwüsten, ist ja das Eine. Aber es genauso liegen zu lassen, geht schon gar nicht. Alles egal. Geht mich nichts an, Mrs. Johnson oder jemand anders wird sich schon kümmern. Ich lasse einfach mal alles so stehen und liegen. Muss man denn echt jedem hinterher rennen und gucken, ob die Aufgaben erledigt werden??? Ob jeder Platz nach dem Unterricht sauber verlassen wird?? Verdammt!

Mein Kopf raucht. Ich brauche den Superman hier. Mindestens. Ich bin soooo sauer. Langsam trödeln die Schüler ein. Ich lasse sie alle einen Blick in den Raum werfen und weiterziehen. Ohne viel zu reden. Die Schüler versuchen, Schlimmeres zu verhindern.
- “Mrs. Johnson, ich räume das jetzt auf.”
“Nein.”
- “Ist unsere Klasse jetzt tot?”
“Ja.”
- “Wir waren das nicht.”
- “Sie sind übertrieben sauer, wa?”
- “Welche Missgeburt war das?”
- “Abouu, so sah unsere Klasse ja noch nie aus!”
Yunus nimmt den Besen und fängt an, zu fegen. Die anderen staunen. Walmir fragt jede Minute, ob er das aufräumen soll. Noch nicht, es soll erst mal jeder sehen. Mittlerweile haben sich auch Schüler aus anderen Klassen versammelt. Jeder will sehen, warum Mrs. Johnson vor der Klassentür Stellung hält. Ein Mädchen aus der siebten kommt auf mich zu.
- “Mrs. Johnson, können Sie mir bitte die Toilette aufschließen?” Trotz der nett formulierten Frage muss ich ablehnen.
“Leider nein. Ich muss hier stehen bleiben und meine Schüler persönlich in Empfang nehmen.”
- “Ich kann auch für Sie hier mit traurigem Gesicht stehen.”
“Neeeeein!!!”

Meine Gedanken überschlagen sich.
“Die ganze Schule sollen sie putzen!”
“30000 Mal abschreiben, ‘die Putzfrauen sind nicht meine Sklaven!’”
“Putzmittel aus der Klassenkasse bezahlen und die Klasse nach dem Unterricht putzen lassen!”
“Keine Lust mehr. Sollen die doch sich selbst unterrichten und selbst Ausflüge und Klassenfahrten planen.”
"Den Klassenraum noch mehr verdrecken, bis die Schüler selbst aufschreien."
"Nackenschellen verteilen."
"Einsperren, bis es sauber wird. Inklusive Boden, Fenster und Tische."
“Eltern in die Klasse einladen und sie dieses Desaster sehen lassen.”
"Anzeige wegen Familienbeleidigung riskieren und fragen, ob es zu Hause auch so aussieht?!"
“Nachsitzen, vorsitzen und noch mal nachsitzen lassen.”
“Die 125te Moralpredigt halten.”
Irgendwie bin ich von keiner Idee so richtig überzeugt. Ist ja nicht so, dass es diese ganzen Maßnahmen noch nie gab. Ich fühle mich echt etwas machtlos. Ich rede, rede und rede und fahre gegen 26 Wände. Mit voller Wucht. Zum Glück habe ich Zeit bis zur fünften Stunde, einen Plan auszudenken.

Den ganzen Tag über spiele ich beleidigt. Jeder aus meiner Klasse, der mir über den Weg läuft, traut sich nichts zu sagen. Gut so. Ich spreche auch keinen an.
Die Wut wurde bis zur fünften Stunde nicht besser. Ich komme in die Klasse, knalle mit der Tür und werfe meine Tasche hin. Alles Echt, kein Funken Schauspiel. Habe ich schon erwähnt, dass ich sauer war?? Jeder steht auf seinem Platz. Still wie noch nie. Ich höre das Atmen der Kinder. Und ich lege los. Ich sage natürlich nicht alles, was ich mir vorher überlegt habe. Ich spreche das aus, was mir spontan in den Kopf kommt. Und werde immer lauter. Irgendwann schreie ich. Der Wahnsinn. Wahrscheinlich das zweite Mal in meinem Schulleben. Schüler sind baff. Gut so. Immer wieder versuchen sie… - “Aber, Mrs. Johnson….”
“Ich will nichts hören!!” Irgendwann habe ich alles gesagt, was ich sagen wollte.
- “Aber Mrs. Johnson, wir waren das gar nicht!”
“Was, kam die Putzfrau vorbei und hat alle Mülleimer noch mal mitten in der Klasse ausgeschüttet?? Oder waren Frau Soundso und ich das? Haben uns vielleicht einen kleinen Scherz erlaubt??”
- “Nein, aber ich schwör. Als wir gestern weggingen sah es nicht so aus. Es sah nicht so gut aus. Aber nicht so!”
“Und warum sah es nicht so gut aus???”
- “Ja, keine Ahnung… Aber danach… Jemand war drin.”
Ich bin mir ja auch sicher, dass es höchstens vier einzelne Schüler waren, die jetzt vor sich hin schweigen. Alle anderen haben den Raum tatsächlich zuletzt in einem sauberen Zustand gesehen. Mein Vorhabe, zu bestrafen, schwindet immer mehr. Die ganze Klasse zu bestrafen, ist doof. Über Sinn und Unsinn von Strafen lässt es sich sowieso streiten.  Die wahren Schuldigen kommen natürlich nicht ans Licht. Ich greife also zu der üblichen Methode. Reden. Nur reden. Aber diesmal nicht alleine, sondern mit allen. Und sieh an, Gesprächsregeln werden eingehalten. Wir diskutieren darüber, wiedie Schüler sich ihr zukünftiges Leben vorstellen. Es ist ein wirklich nettes Gespräch. Irgendwie auf der gleichen Höhe. Vom verdreckten Klassenzimmer schwappt es über. Auf Schwänzen, Pünktlichkeit, schlechte Leistungen, Gewalt. Warum sie keine Verantwortung übernehmen, warum ihnen alles egal ist und warum sie keinen Wert auf einen vernünftigen Abschluss legen. Ich will es verstehen. Ich erzähle ihnen, dass wir in den ersten Monaten in Deutschland auch von Sozialhilfe gelebt haben. Und dass es kein Spaß macht, sich nichts leisten zu können. Und wie cool es wäre, Geld zu verdienen und sich einige Wünsche erfüllen zu können. Ich habe das Gefühl, dass die Moralpredigt diesmal anders verlaufen ist. Etwas effektiver.  Die persönliche Schiene zieht immer. Ich bin zwar nicht zum Unterrichten gekommen, aber andere Dinge müssen eben auch geklärt werden. Danach wünschen wir uns gegenseitig alle ein schönes Wochenende und verabschieden uns. Auch ohne Superman geschafft. Bevor alle rausgehen sagt Mandy:
- “Wie? Keine Strafe?”
“Nö.”
- “Ich liebe es, wenn Sie so nett sind. Sie sind zu nett.” Leider ja.
“Ich will jeden einzelnen von euch zum Abschluss bringen! Das ist mein einziges Ziel, nicht irgendwelche Strafen zu verteielen. Aber ihr müsst da schon bisschen mithelfen. Einfach so bekommt ihr das Zeugnis nicht.”
- “Sie werden bestimmt weinen, wenn wir das Zeugnis bekommen.” Kann gut sein. Aber nur vor Freude.

Kommentare:

  1. Zum morgendlichen Empfang: "Ihre Klasse..."
    Wir haben uns an der Schule mit der Zeit darauf geeinigt, die 8a, die 9g usw. zu sagen. Das nimmt von der Lehrkraft schon mal die Verantwortlichkeit für Fehlverhalten, Verhalten, für das andere, z.B. die Eltern, zuständig sind. Und wer war es wirklich?

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    1. Na keiner natürlich! Ist von selbst so schmutzig geworden...
      Was würden Sie denn in dieser Situation machen?

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    2. Das ist schwierig und hängt von der Klasse ab.
      Ich blöffe manchmal und sage es jemandem auf den Kopf zu (Schüler, die immer dabei sind).
      Oder ich habe jemanden, dem ich vertrauen kann und der/die sagt es mir. Der/die darf natürlich nicht verraten werden.
      Wer war am Unterrichtsschluss in der Klasse?
      Wer hat evtl. aufgesperrt?
      Wann sah die Putzfrau das Desaster?

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    3. Am Montag geht die Detektivarbeit weiter!

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