Donnerstag, 16. August 2012

Gesucht: ehrliche Mitarbeiter


"Was bei der Jugend wie Grausamkeit aussieht, ist meistens Ehrlichkeit."
Jean Cocteau

Vor mir steht ein ziemlich großer Typ und lächelt mich an. Groß und breit. Abends im Dunkeln hätte ich wahrscheinlich Angst bekommen. Kennen wir uns? Hmmm, irgendwie kommst du mir bekannt vor..
- "Mrs. Johnson? Wie geht's Ihnen?" Ok, wir müssen uns tatsächlich kennen... Aber er sieht so... erwachsen... aus.
"Ähhhmmm, gut.."
- "Erkennen Sie mich nicht?" Peinlich.
- "Ich bin's. Osman."
"Aha." Verdammt, wer war das noch mal? Habe ich ihn unterrichtet?
- "Wir haben uns nur ganz kurz gesehen. Weil Sie haben damals als Lehrerin angefangen und ich hab Abschluss gemacht."
"Du bist mir auch sehr bekannt vorgekommen! Wir beide hatten aber nie die Ehre, oder?" Das klang bisschen zögerlich, aber irgendwie muss man ja rausfinden, ob ich ihn kennen muss und ob es Grund gibt, sich zu schämen.
- "Hä? Wie Ehre?"
"Na, ob ich dich unterrichtet habe?!"
- "Ah so, nee... Wir kennen uns nur so von 'Hallo' und 'Tschüß'." Jetzt bin ich beruhigt.
"Ist ja auch egal, wie geht's dir? Was machst du? Wo bist du?"
- "Schlecht geht's!"
"Warum?"
- "Ich hab damals voll den schlechten Abschluss gemacht. Hab da probiert und hier probiert und irgendwie wollte mich keiner. Jetzt muss ich so Drecksjobs machen. Wieso sollten die mich auch nehmen mit so schlechten Noten??"
"Oh je, das hört sich ja echt traurig an. Ich wünschte, ihr alle würdet es früher begreifen."
- "Ja, ich weiß. Richten Sie mal Ihrer Klasse aus, die sollen lernen. Sonst kriegen die kein Job und das ist echt nicht lustig!"
"Verlass dich drauf, von dieser Begegnung werde ich ihnen auf jeden Fall erzählen! Was machst du hier überhaupt?"
- "Wollt nur hallo sagen, hatte nichts besseres zu tun." Ja, so ist es. In der Schule ist alles langweilig und "ohne Sinn" und dann heulen sie, weil Arbeitslosigkeit auch irgendwann langweilig wird.

Mit fester Absicht, dies meinen Schülern zu stecken, mache ich mich auf den Weg in die Klasse. Mirko liegt auf dem Tisch und tut so, als würde er schlafen. Ich komme ganz nah an sein Ohr. "Buh." Mirko springt auf und fällt fast vom Tisch. Kommt davon.
- "Aaaaler, was los mit Ihnen?"
"Was ist los mit dir? Strandurlaub oder was?"
- "Cüüüs, kann man sich nicht mal kurz hinlegen? Hat doch noch gar nicht geklingelt!" Hab ich mich verhört??
"Natürlich hat es geklingelt!! Bist du gerade eingeschlafen?"
- "Nein man, ich war wach! Es hat nicht geklingelt, das sagen Sie extra." Timm kommt mir zur Hilfe.
- "Natürlich hat es geklingelt, diskutier doch nicht über jeden Scheiß!"
"Ich hasse Schule!" In dem Moment kommt Önder rein, gute 5 Minuten zu spät. Klingt vielleicht wie eine Lapalie, ist aber echt schlimm, wenn man bedenkt, dass ich für Haupt- und Nebensätze nur 45 Minuten habe! Önder scheint sich nicht zu beeilen. Er spaziert zu seinem Tisch, zieht Isabel an den Haaren und nimmt auf dem Weg einen Stift von Can mit. Ruhig bleiben, Mrs. Johnson. Wo ist denn sein Rucksack?
"Önder??"
- "WAS?"
"Wo sind denn deine Sachen?"
- "Ich hab kein Bock heute auf Schule. Meine Mutter hat mich gezwungen. Also habe ich nix mitgenommen. Wozu brauche ich Heft? Ist eh nur Deko." Ich schaue ihn fassunglos an.
- "Wieso gucken Sie so? Wenigstens bin ich ehrlich!"
"Ich fasse zusammen: Unpünktlich, ohne Materialien und ehrlich. Was meinst du, wie lange du beim Praktikum bleibst, mit diesen Eigenschaften?"
- "Ja und? Mir doch egal."
Jetzt ist der richtige Moment, ich erzähle der Klasse von der Begegnung mit Osman. Dass sie nur noch zwei Jahre vor sich haben, die schnell vergehen werden, ohne Abschluss die nächste Station Jobcenter heißt und und und. Das Übliche eben. Haupt- und Nebensätze können warten. Önder schaut mich gelangweilt an.
- "Ich schwör auf mein Leben, dieser Junge da, der elende, der war nicht ehrlich! Ehrlichkeit ist mieswichtig! Deswegen hat er verkackt!"

Vielleicht sollte ich nächste Stunde schon mal erläutern, wie man einen Hartz IV-Antrag ausfüllt.

Kommentare:

  1. Solche "Jungen" sollten Sie zum direkten Erzählen einladen, das wirkt besser.
    Scheinen ziemliche Blödmänner zu sein, die Jungs. Was ist mit den Mädels?

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    1. Habe auch gleich bereut, dass ich ihn nicht eingeladen habe!
      Sind halt alle... schwierig.. und orientierungslos. Jungen wie Mädchen.

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