Mittwoch, 19. Februar 2014

Eltern sind ein komisches Volk

"Eltern verzeihen ihren Kindern die Fehler am schwersten, die sie ihnen selbst anerzogen haben."
Marie von Ebner-Eschenbach

Eltern sind ein komisches Volk. Eltern sind ein Volk, über die ich mich mehr ärgere. Mehr als über den schlimmsten Schüler dieser Welt. Eltern sind die, die ich eigentlich miterziehen muss. Nicht nur ihre Kinder. Kann man Eltern erziehen? Habe ich ein Recht, sie zu erziehen? Muss ich sie erziehen, kann das nicht jemand anders tun? Ist ja nicht so, dass ich nicht ausreichend Hobbies hätte, denen ich in meiner Freizeit nachgehen könnte. Kann man nicht noch eine Schulpsychologin einstellen und einen Sozialarbeiter zusätzlich? Pro Klasse. Für die Eltern der Schüler.

Jedes Verhalten hat einen Grund. Jedes Kind ist das Produkt gewisser Umstände. Und seiner Eltern. Cans Vater verspätet sich jedes Mal. Egal ob zum Elternabend oder zu einem Gespräch. Nafisa Mutter bittet mich, ihre Tochter für einen Tag zu entschuldigen. Sie muss zum Amt, übersetzen helfen. Dafür kann man einen Tag Schule ausfallen lassen. Auch bei Schnupfen und bei der monatlichen Regel. Auch da muss man die Schule nicht besuchen. Das wird alles entschuldigt. Melinas Mutter begrüßt mich mit den Worten: "Hallo Frau Feynberg, wie geht's dir?" Isabels Mutter schreibt Entschuldigungszettel auf abgerissenen Zetteln. Am besten noch mit Flecken drauf. Es sind eher Stichpunkte, die man da lesen kann. Max' Eltern sind kaum zu erreichen. Wenn ich mich über nicht gemachte Hausaufgaben, fehlende Materialien sowie unentschuldigte Tage beschwere, fragen sie mich, warum ich denn so schlecht gelaunt sei und ob ich nicht freundlicher mit ihnen sprechen könnte. Es ist doch ihr Sohn, der was ausgefressen hat. Sie sind es nicht. Oder Önders Mutter, die mir nach 20 Uhr eine SMS schreibt und fragt, welche Hausaufgaben Önder zu morgen erledigen soll. Oder, oder, oder. Ich rege mich über die Schüler auf. Doch dann treffe ich ihre Eltern. Und sehe die Welt plötzlich mit ganz anderen Augen. Und dann versuche ich zu verstehen. Warum etwas so ist, wie es ist. Und ich frage mich. Ob das überhaupt möglich ist. Gegen diese Erziehung zu Hause, gegen diese Werte, die keine sind, gegen die zahlreichen Erlebnisse, die die Schüler schon geprägt hatten, bevor wir uns kannten, anzugehen. Ich rede und rede und rede. Und dann kommen die Eltern und machen genau das Gegenteil. Peng. Das, was ich da geredet habe, ist auf einmal nichts mehr wert. Nicht das Geringste. Die Schule muss bilden und erziehen. Die Eltern erziehen und bilden. Eigentlich erziehe ich. Und bilde nebenbei. Doch wie viel Erziehung bleibt tatsächlich hängen? Wie viel Kampf lohnt sich? Wie viel Preis zahlt man für welches Ergebnis?

Kommentare:

  1. Nach 38 Jahren Lehrerinnen- und Schulleiterinnen- Dasein kann ich nur beipflichten. Es vergeht viel zu viel Zeit, um Eltern klar zu machen, dass ihre Erziehung nicht am Schultor aufhört und ausschließlich in die Hand des Lehrers übergeht. Ihr "Vorbild" zeigt sich sehr oft im Schülerverhalten, und das ließe sich ja noch aushalten, wenn sie bei dem Versuch der Erziehung der Schüler positiv unterstützend wirken würden. Statt dessen fallen sie einem oft in den Rücken oder reagieren mit Unverständnis.
    Es bleibt - leider - ein immerwährender Kampf!

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