Dienstag, 25. Februar 2014

Sooo tooodesviele Aufgaben


"Aufgabenstellung: Erklären Sie die Welt und geben Sie zwei kurze Beispiele."
Unbekannt


Max hat sich beim Tischler um einen Ausbildungsplatz beworben. Das Vorstellungsgespräch war härter als gedacht. Der Ausbilder wollte nämlich von Max wissen, wie der jetztige Bundespräsident heißt und welcher Partei Angela Merkel angehört. Die Partei hat er noch hinbekommen, beim Bundespräsidenten wurde es schon schwieriger. Ob er nun diesen Ausbildungsplatz bekommt, weiß Max noch nicht. Der Chef wirkte wohl nicht so begeistert. Allgemeinwissen sollte man haben, sagte er. Und die Namen der wichtigsten Politiker kennen. Die Schwerpunkte der politischen Parteienprogramme wären auch nicht schlecht. Man müsse doch wissen, was momentan in seinem Land geschieht. Irgendwo geschieht es ja auch gleichzeitig mit einem selbst, wenn die Politiker was bestimmen. Recht hat er, finde ich. Obwohl das Gespräch gestern war, ist Max' Schockzustand noch allzu gegenwärtig. 
"Was hat denn das mit Tischler zu tun? Hat Holz auch eine Partei oder was? Warum muss ich denn sowas wissen?" Finde ich super, dass Max vor der gesamten Klasse seinen Emotionen freien Lauf lässt. Ein Fallbeispiel am eigenen Leib erfahren. Eine Ausbildung zu finden, ist wohl doch nicht so einfach, wie viele hier denken. Und die Devise "wird schon" kann man wohl auch nicht immer anwenden.

Da ich spontan und flexibel bin, reagiere ich sofort auf das politische Desaster. Nach einer kurzen Umfrage, verstehe ich, dass kein einziger in diesem Raum außer mir dieses Vorstellungsgespräch überlebt hätte. Zum Glück haben wir Internet und ich weiß, wo ich suchen muss. Also gucke ich auf einer schlauen Seite und finde ein schlaues Filmchen.
"Oh nee, muss das sein? Fernsehen kann ich zu Hause gucken!" meckert Mirko. "Können Sie mich mal wecken, wenn der Film vorbei ist?"
"Mirko! Zu Hause guckst du bestimmt nicht diese Art von Fernsehen."
"Doooch, ich guck auch mal Nachrichten. Kennen Sie diese bei RTL 2?
"Kenne ich. Und genau deswegen solltest du dir auch andere Sendungen anschauen. Wenigstens ab und zu. Also, Augen auf! Und damit ihr genau hinguckt, gibt es noch ein Arbeitsblatt zum Film."
Zum Glück habe ich meinen USB-Stick mit und somit auch meine Arbeitsblattsammlung. Für jeden Fall des Lebens. 
Mandy bekommt das Blatt zuerst. Mit ganz großen Augen dreht sie das Blatt hin und her. Hin und her. "Abou, ich dreh die Seite so um und da sind sooo toooodesviele Aufgaben! Alles nur wegen dir, Max!"
Auch Önder ist derselben Meinung. "Können wir nicht nur Film gucken? Film gucken UND Fragen machen. Bin ich Frau oder was, dass ich telefonieren und Finger lackieren auf einmal kann??"
"Du hast die Aufgabe falsch verstanden. Du sollst nur den Film gucken und ein paar Fragen beantwortet. Von Nagellack war nicht die Rede! Auch nicht vom Telefonieren! Wenn du aufmerksam guckst, ist die Aufgabe quasi schon gelöst!"
Önder legt das Blatt demonstrativ zur Seite.
"Kommt schon Leute! Ich verlange doch hier keine Matheabiturklausur von euch. Önder!"
"Neeeein. Ich verspreche Sie, ich guck und zu Hause mach ich die Hurensohnfragen. Ich kann das Sie auch beweisen. Jetzt noch."
"Ah ja? Und wie?"
"Ich kann schwören!"
"Danke. Aber nein."
Nach vielen Diskussionen, drücke ich auf Play. Kaum jemand hält einen Stift in der Hand. Wenige gucken wirklich den Film. Melina guckt in den Spiegel und unterhält sich dabei mit Mandy. Nicht wirklich leise.
"Melina! Pack den Spiegel weg und guck den Film!"
"Was stört Sie denn? Ich hab nur bisschen meine Lippe angeguckt. Aber nur bisschen. Sie können doch weitergucken!"

Nicht mal Max' Erfahrung bringt die Schüler zur Einsicht. Auch das lebendigste Beispiel ist nicht lebendig genug.

Kommentare:

  1. Die müssen das alle am eigenen Leib erfahren, leider.

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  2. "Die Schwerpunkte der politischen Parteienprogramme wären auch nicht schlecht."
    Naja, das könnten auch nur wenige Erwachsene zusammenfassen!
    Und die Namen der Politiker? Vielleicht wechseln die zu oft. :)

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    1. Stimmt. Eine gewisse politische Grundbildung solte man jedoch bei so einem Gespräch vorweisen können.

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