Mittwoch, 19. März 2014

Kinder können sich doch gar nicht wehren

Wer den Flüssen wehren will, muß die Quellen verstopfen.
Sprichwort

David ist ein ganz ruhiger Schüler. Zu ruhig. Ziemlich schüchtern. Wenn man ihn anspricht, zuckt er zusammen. Man weiß nicht viel von ihm. Er lächelt kaum. Trotzdem: alles ist immer okay. David geht's immer gut, wenn man ihn fragt. Seinen Leistungen weniger. 
Wir sprechen über ein Thema, über das wir sehr oft sprechen. Gewalt. Wieder mal. Man kann gar nicht genug über dieses Thema sprechen. Und einmal die Woche die Jugendarrestanstalt oder das Jugendgefängnis besuchen, um Präventionsarbeit zu leisten. Überall Gewalt. Körperliche, seelische, in der Familie, auf der Straße, in den Medien. David schweigt die ganze Stunde. Alle anderen haben eine Menge zu dem Thema zu sagen. In erster Linie geht es um die Computerspiele. Aber auch sonst haben die Jugendlichen viele Gewaltgeschichten auf Lager. Viel zu viele. Mein Kopf wird schon nach wenigen Minuten quadratisch. Mein Erstaunen, was diese Jugendlichen - in ihren jungen Jahren - alles erlebt haben, wächst. Und wächst. Obwohl ich dachte, schon vieles gewusst und vieles erlebt zu haben. Man weiß nicht, was David von dieser Stunde mitbekommt. Er starrt mal aus dem Fenster. Mal auf seinen Tisch. Mal einfach vor sich hin. Doch dann wacht er auf. Es geht um einen Vater, der sein Kind ohrfeigt. Gewalt oder nicht Gewalt? Die Meinungen sind gespalten. Die Mehrheit der Klasse sagt, ist doch alles nicht so schlimm. Mal eine Ohrfeige. Muss sein, wenn man seine Kinder vernünftig erziehen möchte. Einige wenige -wirklich wenige- meinen, egal was kommt, seine Kinder darf man nicht schlagen. Und dann sagt David etwas. "Kinder können sich doch gar nicht wehren. Ohrfeigen sind auch Schläge und ich hasse Schläge. Schläge sind immer Gewalt. Und ich hasse Alkohol." Es sind vier kurze Sätze, die David da von sich gibt. Diese Sätze sind aber so lang und so dunkel. Diese Sätze verraten so viel. Sie schreien nach Sonne, nach Licht. Plötzlich kann ich hinter die Fassade des schüchternen Jungen blicken. Plötzlich denke ich, so viel zu wissen. Und ich frage mich, wie viele Geschichten es noch gibt, die wir nicht mal annähernd kennen. Und wie viele Gewaltkarrieren man eigentlich verhindern könnte.

Kommentare:

  1. Bedauernswerter Junge. Ob er sich weiter öffnet, ob ihm jemand helfen kann?

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  2. Ich kenne das auch. Und das Jugendamt zu involvieren bringt oft auch nicht die gewünschte Besserung, das ist manchmal einfach nur zum Heulen. Ich wünsche dir ein dickes Fell.

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